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Was Elitedünkel und Burschenschaften verbindet

Einleitendes

Eliten sind wieder in aller Munde. Sei es als schlechtes Vorbild in Form „raffgieriger“ Manager_innen oder auch im Kampf um finanzielle Zuwendungen für sog. „Elite-Universitäten“. Der Begriff „Elite“ stammt aus dem lateinischen und bedeutet etwa soviel wie „Auslese“ und wird zunächst als Gegenpol zur „Masse“ verstanden. Elite hat dabei immer etwas mit Machtausübung und Einflussmöglichkeit zu tun. Der Ausdruck „Elite“ wird dabei keineswegs neutral
verwendet. So bezeichnet der (neo-)konservative FU-Professor Paul Nolte das Vorhandensein von Eliten als etwas völlig Normales. „Ohne Elite geht es nicht“ so das Credo. Der Darmstädter Soziologie-Professor und Elitenforscher Michael Hartmann hingegen sieht Eliten weitaus kritischer. Seine Forschungen belegen, dass Chancengleichheit in Deutschland ein Mythos ist und Leistung keineswegs über Posten entscheidet. Somit erscheint die Debatte um das Pro und das Contra von Elite in einem etwas anderen Licht.

Wie sieht es aus in Deutschland?

Michael Hartmann hat in einer Vielzahl an Studien nachgewiesen, dass in Deutschland ein ideologischer Schleier über den realen Verhältnissen im Bildungsbereich liegt. Sowohl der Mythos der Chancengleichheit als auch der Mythos der Leistungsgesellschaft (in der die Leistung über die Positionierung in der Gesellschaft entscheidet) wurde empirisch widerlegt. Besonders die Wirtschaft sei ein relativ „geschlossenes“ System, in der Habitus und Herkunft
mehr zählen als eigene Leistung. Doch statt endlich erste Schritte zu unternehmen, demokratischere Strukturen in Schule und Universität zu verankern, hält man hierzulande immer noch z. B. am dreigliedrigen Schulsystem fest. Die Vermutung, dass es eben ein Interesse daran gibt, die herrschenden Zustände so zu lassen wie sie sind, lässt sich nicht von der Hand weisen. Es stimmt eben nicht, dass „es sich um eine Leistungsgesellschaft handelt. Und wenn das so ist, dass es nicht um Leistung geht, sondern um die Reproduktion von Macht und Klassenverhältnissen, dann ist es zwingend notwendig, diejenigen, die in diesen Positionen sind, zu kontrollieren.“ („Es geht gar
nicht um Leistung“, M. Hartmann in der Jungle World, http://jungleworld.
com/artikel/2004/43/13902.html, Zugriff 02.06.08) Selbst in der Politik, dem in Deutschland – aus historischen Gründen – noch „offensten“ Elitensystem, zeichnet sich eine „Verbürgerlichung“ (ebda.) ab. Elite ist somit ein Faktum.
In einer Gesellschaft, in der alle Erwerbstätigen (auch Akademiker_innen) immer mehr um ihre Arbeitsplätze kämpfen (!) müssen, ist die Diskussion um Elite keineswegs am Ende.
Dabei bieten sich im Studium z. B. Burschenschaften an, um die nötigen Netzwerke knüpfen zu können. Solche Netzwerke erhöhen Chancen auf einen Arbeitsplatz. So veranstaltete der z. B. Hamburger Waffenring Arbeitsgemeinschaft schlagender Studentenverbindungen) 1988 einen Workshop unter dem programmatischen Titel: „Können ist gut – kennen ist besser“.Was hat also Elitedenken mit Burschenschaften und eventuell dann auch mit Rechtsextremismus zu tun?

Warum Burschenschaften?

„Wir wollen auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft entsenden.“ (Ex-Innenminister Manfred Kanther, 1990)
Es ist sicherlich zu konstatieren, dass sich in einigen Burschenschaften (zumindest nach außen hin) eine Aufweichung des strikten Nationalismus und Sexismus beobachten lässt. Damit einher ging z. T. auch eine „Modernisierung“ des Elitedünkels. Das bedeutet aber keineswegs eine Änderung der burschenschaftlichen Grundideen. Alleine schon die hierarchische
Gliederung innerhalb der Burschenschaften, gekoppelt an ein sexistisches Rollenverständnis der Geschlechter steht dem Elitegedanken sehr nahe: „Man(n) muss sich eben beweisen um nach oben zu kommen.“ So muss sich z. B. der „Fux“ (Neuling) dem „Fuxmajor“ unterstellen bis er – nach einer gewissen Zeit – zum „Burschen“ wird. Die ganze Sache wird mit archaischen Trinkritualen und einer kollektivistischen Ideologie verbunden.
Darüber hinaus ist der Vaterlandsbezug der Deutschen Burschenschaft alles andere als harmlos. Auf der Internetseite steht diesbezüglich: „Die Deutsche Burschenschaft sieht das deutsche Vaterland unabhängig von staatlichen Grenzen in einem freien und einigen Europa, welches Osteuropa einschließt.“ Und: „Deshalb setzt sich die Deutsche Burschenschaft aktiv dafür ein, daß in einem freien Europa den Angehörigen aller Völker, insbesondere auch
allen deutschen Volksgruppen in anderen Staaten, die uneingeschränkte kulturelle Entfaltung und Selbstbestimmung gewährleistet wird.“ (http://www.burschenschaft.de, Zugriff am: 04.06.08)

Fazit

Elite-Universitäten zementieren die falschen Verhältnisse nur, indem z. B. folgendes Menschenbild in Workshops vermittelt wird: „Den Studenten wurde in Workshops immer wieder vermittelt, dass das Leben ein Wettkampf ist und man zusehen muss, zu den Gewinnern zu gehören.“ (Julia Friedrichs, Spiegelonline von 03/08, Autorin eines Buches über Eliten) Die Metapher, dass das Leben ein „Wettkampf“ sei, der den Elitestudis bei Julia Friedrichs eingehämmert wird, erscheint somit unter völlig anderen Vorzeichen. Auch wenn es empirisch
schwierig ist, den tatsächlichen Einfluss der Korporierten in die Gesellschaft zu „messen“, steht doch eines fest: Elitedünkel, verunsicherte und verängstigte Subjekte im neoliberalen Wettbewerb, Konkurrenzkampf, Sexismus und Nationalismus können ein ganz gefährliches Gemisch werden. Aktuellstes Beispiel: Die Zeitung „Junge Freiheit“, die – neben guten Verbindungen ins burschenschaftliche Milieu – durchaus als Sprachrohr einer stramm konservativen bis rechten Leserschaft bezeichnet werden kann, wurde immerhin vor kurzem in den Presseverteiler des Bundestages aufgenommen. Emanzipatorische Bildung bzw. eine emanzipierte Gesellschaft freier Individuen kann somit nur im Gegensatz zu Elite gedacht werden.

AG Bildung gegen Rechts, GEW Berlin