Archiv für Juli 2009

Dokumentiert: Presseerklärung zum Naziüberfall an der Frankfurter Allee

Gefährlicher Übergriff durch Neonazis am 12. Juli. Antifa bezieht Stellung.

Immer wieder kommt es am S+U Bahnhof Frankfurter Allee zu Übergriffen durch Neonazis auf vermeintlich linke Jugendliche, Migrant_innen oder Menschen, die einfach nur nicht ins faschistische Weltbild der Täter_innen passen. Der aktuelle Höhepunkt dieser Gewalt ereignete sich dort am Sonntagmorgen um ca. 5 Uhr 45.
Vier aggressive Neonazis griffen dabei wahllos Passanten an. Ein 22-Jähriger wurde durch sein alternatives Erscheinungsbild dabei zu ihrem Hassobjekt. Die Tritte, die die Täter dem regungslos am Boden liegenden Opfer minutenlang zugefügt haben führten neben schweren Prellung und einem Jochbeinbruch auch zu Hirnblutungen. Eingreifende Passanten konnten ihren Gewaltrausch nicht stoppen, ein Täter trat sogar auf den Kopf des bewusstlosen Opfers ein. Dieser versuchte den Jugendlichen durch einen sog. „Bordsteinkick“ zu töten, konnte den wehrlosen Körper aber nicht zum Bordstein schleifen. Er drehte das Gesicht des 22-jährigen frontal auf den Boden und trat heftig auf seinen Hinterkopf. Er maltretierte sein Opfer selbst dann noch als die Polizei eintraf. Während der polizeilichen Maßnahmen konnten sich die Täter weitestgehend ungestört bewegen und versuchten Zeug_innen einzuschüchtern und anzugreifen. Dabei kam es zu Rangeleien mit der Polizei seitens der Neonazis.

Einer der Neonazis beschuldigte einen der Zeugen, welcher den Übergriff der Polizei beschrieb, dass dieser ihn provoziert haben soll. Auf Grund dieser Behauptung durchsuchte die Polizei am Sonntag die Wohnung des Zeugen, stellten jedoch keine belastenden Materialen fest.
Was der Polizeibericht und die meisten Medien bisher nicht thematisierten, ist der Fakt, dass die Täter aus der gegenüberliegenden Disko „Jeton“ kamen. Diese war in der Vergangenheit immer wieder Ausgangspunkt für neonazistische Angriffe gewesen, was unter anderem die Chronik der lokalen „Antifa Friedrichshain“( http://freeweb.dnet.it/antifhain/chronik.htm) belegt. Da das zum großen Teil auch rechts gerichtete Publikum des Jetons eine Gefahr für viele Menschen im Friedrichshain darstellt, sehen wir es als notwendig an auf dieses Problem mit allen Mitteln aufmerksam zu machen. Wir fordern daher von den Betreibern des „Jeton“, endlich hart gegen sein teilweise rechtsradikales Klientel vorzugehen und somit an der Verhinderung rechter Gewalttaten am Brennpunkt Frankfurter Allee mitzuwirken. Wir verurteilen außerdem das Vorgehen der Polizei, da somit Personen, die sich trauen gegen Neonazis Aussagen zu tätigen, in Zukunft eingeschüchtert werden. Die, auch von staatlicher Seite immer wieder geforderte, Zivilcourage wird somit von staatlicher Seite selbst unterbunden und verkommt zur Farce.

Ein breites antifaschistisches Bündnis organisiert darum für den Samstag, den 18.Juli, um 18 Uhr am Bersarin Platz eine Demonstration um gegen rechten Terror in Friedrichshain zu demonstrieren und das „Jeton“ zu einer klaren Positionierung zu zwingen (Aufruf: http://nea.antifa.de/specials/fallee.html).

14. Juli 2009, Bündnis antifaschistischer Gruppen

Deutsche Vergangenheitsbewältigung Teil II:

Zum Thema Vergangenheitsbewältigung in Deutschland erschien an gleicher Stelle bereits ein Text, der sich mit dem Umgang der Deutschen Bahn mit dem „Zug der Erinnerung“ beschäftigt. Ein weiteres Beispiel solch unwürdiger „Vergangenheitsbewältigung“ ereignete sich vor kurzem im oberbayerischen Mittenwald.

In Mittenwald, auf dem Hohen Brendten, treffen sich alljährlich zu Pfingsten seit Beginn der 50er Jahre Angehörige der Gebirgsjäger. Diese Truppe – zu deren Kameradschaftskreis der ehemalige bayerische Ministerpräsident Stoiber (CSU) zählt – ist für Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg vor allem in Italien und Griechenland verantwortlich. Am bekanntesten sind sicherlich die Massaker auf der griechischen Insel Kefallonia. Dort erschossen die Soldaten mehrere Tausend italienische Gefangene. Im ebenfalls in Griechenland befindlichen Dorf Komeno fielen etwa 317 Zivilist_innen den Gebirgsjägern zum Opfer.

Seit einigen Jahren versuchen Antifaschist_innen und Antimilitarist_innen diesem ewig gestrigen Treiben etwas entgegen zu setzen. Doch neben den üblichen Repressalien und Behinderungen durch Polizei und den Beschimpfungen der Gebirgsjäger sind die Demonstrant_innen auch immer mit einer Bevölkerung konfrontiert, die der antifaschistischen Demonstration ablehnend bis feindselig gegenübersteht. Ob sich diese Ablehnung aus Angst vor einer Abnahme von Tourist_innenzahlen oder aus Sympathie mit den Gebirgsjägern speist, kann an dieser Stelle nicht abschließend geklärt werden.

Dennoch: Diese Mixtur aus einer deutschtümelnden Bevölkerung mit dazugehörigem Untertanengeist und einer militaristisch-geschichtsrevisionistischen Gebirgsjägertruppe und deren Kameradschaftskreis wurde besonders deutlich, bei der Diskussion um ein Denkmal, welches der AK Angreifbare Traditionspflege in Mittenwald aufstellte. Dieser Arbeitskreis organisiert seit Jahren maßgeblich die Proteste (Demonstrationen, Vorträge, Diskussionsveranstaltungen usw.) gegen dieses Treffen.

Auch in diesem Jahr kamen einige Überlebende des NS-Terrors nach Mittenwald um zum einen gegen das Treffen der Gebirgsjäger zu protestieren, zum anderen aber auch um das angesprochene Denkmal zu enthüllen, welches an die Opfer dieser „Truppe“ erinnerte.

Wie skandalös die Umstände sind, mit denen die Gemeinde bzw. auch die Bevölkerung Mittenwalds mit dem Denkmal verfuhr, aber auch der unfassbar beschämende Umgang, der dem Überlebenden des Vernichtungslager Auschwitz, Maurice Cling, widerfuhr, sei hier dokumentiert:

„Denkmal für NS-Opfer in Mittenwald abgeräumt | Affront gegen Überlebende und NS-Opfer

Stellungnahme des AK Angreifbare Traditionspflege zum Abbau des Denkmals auf dem Bahnhofsvorplatz in Mittenwald am 4. Juni 2009

Die Entfernung des am Pfingstsamstag enthüllten Denkmals ist ein Affront gegen die Überlebenden und die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen. Das Denkmal, das bis heute auf dem Bahnhofvorplatzes in Mittenwald stand, trägt folgende Inschriften:

„In Trauer um die Opfer der Kriegsverbrechen, die im 2. Weltkrieg von Gebirgsjägern der deutschen Wehrmacht in ganz Europa begangen wurden.
In Gedenken der unter Beteilung der Gebirgstruppe deportierten und ermordeten Jüdinnen und Juden.
In Erinnerung an den Todesmarsch aus dem Konzentrationslager Dachau, der am 1. Mai 1945 in Mittenwald endete.
Dem Markt Mittenwald gestiftet am 30. Mai 2009 vom AK Angreifbare Traditionspflege. Die Steine stammen aus den Ruinen des italienischen Dorfes Falzano di Cortona. Deutsche Gebirgsjäger haben am 27. Juni 1944 das Dorf in der Toskana zerstört und 14 Dorfbewohner ermordet.
Nie wieder Krieg
Nie wieder Faschismus“

Das Denkmal ist vom AK Angreifbare Traditionspflege der Gemeinde Mittenwald geschenkt worden. Die Steine in der Glasvitrine wurden von der Gemeinde Cortona dem AK Angreifbare Traditionspflege für diesen Zweck überlassen. Der Abbau des Denkmals ist ein besonderer Affront gegen die Opfer dieses Verbrechens von Gebirgsjägern, ihren Angehörigen sowie der Gemeinde Cortona.

Wir wollten unserer Kampagne über die Verbrechen der Gebirgsjäger und gegen deren jährliche Traditionsfeier auf dem Hohen Brendten abschließen. Das Denkmal sollte einen dauerhaften Erinnerungsort für die genannten NS-Opfer schaffen. Die Diskussion im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt um das Denkmal hat gezeigt, dass die Bevölkerung in der Gemeinde Mittenwald keine Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Gebirgstruppen im Zweiten Weltkrieg wünscht, nicht einmal ein Gedenken an die Opfer der Verbrechen zulassen möchte. Der Abbau des Denkmals von offizieller Seite spricht für sich.

Zur Enthüllung hatten wir den Auschwitz-Überlebenden Maurice Cling eingeladen, der auf dem Todesmarsch vom Konzentrationslager Dachau am 1. Mai 1945 in Mittenwald befreit wurde. Auch bei seinem zweiten Besuch in Mittenwald hat ihn kein Vertreter der Gemeinde offiziell begrüßt. In fast jedem anderen Ort wäre bereits dies ein Skandal, nicht so in Mittenwald. Maurice Cling sagte bei der Enthüllung des Denkmals am Pfingstsamstag, dass er das Denkmal stellvertretend für die enthüllen würde, die auf dem Todesmarsch ermordet wurden. Erst mit diesem würdigen Gedenken sei für ihn der Todesmarsch beendet.

Unsere internationale Kampagne und Diskussion muss somit fortgesetzt werden.

AK Angreifbare Traditionspflege
4. Juni 2009“
(http://keine-ruhe.org/node/131)

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gebirgstruppe_(Deutschland)
http://www.keine-ruhe.org/mittenwald
http://nadir.org/nadir/kampagnen/mittenwald/
http://mittenwald.blogsport.de/
http://de.indymedia.org/2009/06/252271.shtml
http://de.indymedia.org/2009/06/252339.shtml