Archiv für Mai 2009

Ein Brief…

Ein Brief der GEW-Berlin zu einer Polizeiaktion gegen Studierende:

brief1

Deutsche Vergangenheitsbewältigung

Obwohl in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft immer wieder von der „deutschen Verantwortung“ oder der „besonderen deutschen Vergangenheit“ geredet wird, verkommen diese Bekenntnisse bei genauerem Hinsehen meist zu einer Beruhigung des eigenen nationalen schlechten Gewissens. Adornos Vermutung, dass das „Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie … potentiell bedrohliche“ sei, „denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“ scheint sich zu bestätigen. Dies ist als ein kleiner Beitrag zu lesen, wie wir das Abfeiern von 60 Jahre Deutschland/60 Jahre Demokratie kritisch begleiten wollen. Beispielhaft sei hier der Umgang der Bahn mit dem „Zug der Erinnerung“ aufgearbeitet.

Seit sich im Jahre 2007 eine Initiative gründete, mit dem Ziel, die Verwicklung der damaligen Deutschen Reichsbahn in die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie öffentlich zu dokumentieren, sieht sich dieser Verein immer wieder mit Behinderungen durch die Deutsche Bahn konfrontiert.

In der Ausstellung selbst wird ein Konzept verfolgt, welches die Initiator_innen wie folgt zusammenfassen: „Zugleich verweisen die Dokumente auf ein Tabu, das für alle Zivilisationen verpflichtend ist: Das Leben der Kinder zur Erhaltung der Gattung zu schonen. Mit dem Kindermord hat Nazideutschland dieses Gesetz gebrochen und zeitweise außer Kraft gesetzt.“ (http://www.zug-der-erinnerung.eu/ausstellung.html, Zugriff: 14.05.09)

Darüber hinaus werden in einem weiteren Teil des Zuges, Täter und ihre Karrieren – auch in der Nachkriegszeit – benannt. Möglicherweise stellt dies auch einen Grund für das Verhalten der Bahn dar. So wird zum Beispiel auf Albrecht Zahn verwiesen, dessen Unterschrift die Fahrpläne in das Vernichtungslager Treblinka trug. Nach dem Krieg wurde er Bundesbahndirektor in Stuttgart. Oder Julius Dorpmüller: Im Hannoverschen Hauptbahnhof wurde ihm ein Saal gewidmet, Büsten aufgestellt, Straßen nach ihm benannt, in Essen gab es in der Bundesbahndirektion ein „Dorpmüllerzimmer“. Als Reichsverkehrsminister und Generaldirektor der Reichsbahn während der NS-Zeit war Dorpmüller wenigstens ein Mitwisser und Bürokrat der Vernichtung.

Der Verein „Zug der Erinnerung“ begann seine Fahrt im November 2007 in Frankfurt am Main. Orte der Deportation – primär von jüdischen Kindern in die Vernichtungsfabriken – sollten damit angefahren werden, um dann am 08. Mai 2008 in der Gedenkstätte Auschwitz (Oswiecim) anzukommen. Aufgrund weiterer Nachfragen setzte der „Zug der Erinnerung“ im Winter 2008/2009 seine Fahrt fort. Allerdings werden den Initiator_innen permanent Steine in den Weg gelegt. Einer breiten Öffentlichkeit wurde dieses unwürdige Schauspiel seitens der Deutschen Bahn erstmals im Zusammenhang mit dem geplanten Halt im neuen Berliner Hauptbahnhof bekannt. Anfang April 2008 verwies die Bahn auf Fahrplanprobleme und Sicherheitsbedenken wegen der Dampflok, die den Zug mit einigen Waggons, zieht. Dem „Zug der Erinnerung“ wurden daraufhin Ausweichbahnhöfe in Berlin angeboten, aber die Tatsache, dass der Zug letztlich nicht in den neuen Hauptbahnhof der deutschen Hauptstadt fahren durfte, ist und bleibt schäbig.

Am 12. April fand aus diesem Grund eine bewegende Kundgebung vor dem Brandenburger Tor statt. Als Zeichen des Protestes wurde für jedes mit der Reichsbahn deportierte Kind aus Berlin eine Kerze vor dem Bahntower am Potsdamer Platz aufgestellt.

Nach dieser öffentlich geführten Auseinandersetzung wurde es um den „Zug der Erinnerung“ medial zumindest etwas ruhiger. Das lag allerdings weniger an den Gängelungen durch die Bahn, die sich faktisch fortsetzten. So auch in Hamburg, wo der Zug nur kurz am Hauptbahnhof Station machen durfte. Jüngere Schlagzeilen über die Bahn konzentrierten sich meistens auf die Bespitzelungen der Mitarbeiter_innen und Gewerkschafter_innen. Dieses – ebenfalls unerträgliche Verhalten – wird von der Erhebung der Gebühren, die die Bahn von den Initiator_innen einfordert, allerdings noch übertroffen.
Auf der empfehlenswerten Homepage des „Zuges der Erinnerung“ wird über diese Gebühren berichtet: „Für die Aufenthalte, bei denen der deportierten Kinder und Jugendlichen gedacht wird, legt die Bahn AG jetzt Rechnungen vor. Darin wird jede Minute des Gedenkens an die NS-Opfer in Listen erfaßt. Die Bepreisung erfolgt stundenweise. Je nach Bedeutung des Bahnsteigs, auf dem der „Zug der Erinnerung“ Lebenszeugnisse der Deportierten sammelt, kostet das Gedenken mal 225 Euro, mal 450 Euro pro Tag. Auf kleineren Bahnsteigen gewährt die Bahn AG einen Preisnachlaß, auf größeren Umschlagplätzen der früheren Massendeportationen muß mehr gezahlt werden. Insgesamt handelt es sich um Beträge von mehreren zehntausend Euro.
Weitere Summen in fünfstelliger Höhe will die Bahn AG für die Nutzung des Schienennetzes auf dem Weg zur Gedenkstätte Auschwitz einziehen: im Durchschnitt 3,50 Euro pro Kilometer. Da der „Zug der Erinnerung“ über 6.000 Kilometer zurück legt, ist mit etwa 25 Tausend Euro zu rechnen. Der absehbare Gesamtbetrag, den die DB AG für die Erinnerungsarbeit deutscher Bürgerinitiativen fordert, steigt inzwischen auf über 70 Tausend Euro.“ (http://www.zug-der-erinnerung.eu/presse/pm2.html, Zugriff 13.05.09)
Die neuesten Widrigkeiten sind aus Bayern zu melden. Eine Bitte um finanzielle Zuwendung lehnten die CSU-Politiker, Ministerpräsident Seehofer und der bayerische Bahnvorstand Otto Wiesheu, ab. „Man werde dem „Zug der Erinnerung“ mit seiner Ausstellung über Opfer und Täter keinen Cent erlassen, heißt es in mehreren Schreiben Wiesheus. Wiesheu bewirbt eine eigene Ausstellung der Bahn AG, in der die Nachkriegskarrieren der „Reichsbahn“-Täter weitgehend unerwähnt bleiben. Unter Wiesheus Mitverantwortung verbreitete die Deutsche Bahn AG auf ihrem Internet-Kanal („Bahn TV“) bis vor kurzem NS-Propagandasequenzen, die die Massendeportationen durch Beschweigen leugnen. Das Material wurde erst aus dem Netz genommen, als der „Zug der Erinnerung“ darüber informierte.“ (http://www.zug-der-erinnerung.eu/presse/pm2.html, Zugriff 13.05.09)

In München, wo der Zug Ende April 2009 Halt machte, berichtet die Initiative von „massiven“ Behinderungen durch die Bahn. So patrouillierten bewaffnete Sicherheitskräfte vor dem Ausstellungszug und darüber hinaus wurden „technischen Kontrollen“ angedroht. In Nürnberg forderte die Initiative eine Schließung der NS-Abteilung im DB-Museum. Neben „liebevoll restaurierten“ Lokomotiven, kann man dort NS-Propagandaplakate oder „luxuriöse“ NS-Waggons bestaunen. Über die Beteiligung der Reichsbahn beim Massenmord und den daraus resultierenden Profiten verliert das Museum kein Wort. So sieht deutsche Vergangenheitsbewältigung konkret aus.

Aufsatz:

Adorno, Theodor W.: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: ders. (Hg. von G. Kadelbach), Erziehung zur Mündigkeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1971

Quellen, Hinweise:

http://www.zug-der-erinnerung.eu/index.html

http://www.zug-der-erinnerung.eu/appelle.html

http://www.zug-der-erinnerung.eu/medienberichte.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Zug_der_Erinnerung

http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Dorpm%C3%BCller

http://de.news.yahoo.com/17/20090507/tsc-initiative-zug-der-erinnerung-kritis-fc81333.html

http://www.jungewelt.de/2009/05-02/043.php

http://www.sueddeutsche.de/256383/472/2867250/Bahn-gaengelt-Ausstellungsmacher.html

http://www.ad-hoc-news.de/verein-zug-der-erinnerung-beklagt-behinderungen-durch--/de/Politik/20202631

http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/?dig=2008%2F04%2F11%2Fa0211&src=UA&cHash=c0824c5caa

http://npd-blog.info/2009/05/15/bahn-soll-erhobene-gebuhren-an-den-zug-der-erinnerung-spenden/