HIMMELHERRGOTTNOCHEINMAL

Die katholische Kirche vollführt eine Rolle rückwärts und rehabilitiert dabei mal schnell ultrakonservatives und antisemitisches Personal.

In Deutschland, das ja einerseits Pabst ist und andererseits endlich mal mit seiner – doch irgendwie peinlichen – Geschichte abschließen und zur „Normalität“ übergehen möchte, hat die Entscheidung eines deutschen Pabsts den einen oder anderen offenen Antisemiten wieder in den Schoß der Mutter Kirche aufzunehmen eine heftige Diskussion ausgelöst.

Nun ist es nichts Neues, sondern eine mehrtausendjährige ehrwürdige Tradition des Christentums ein zumindest angespanntes wenn nicht feindseliges Verhältnis zum Judentum zu pflegen – auch wenn man in den letzten Jahrzehnten da einige Schritte gegangen war (so betete man als Katholik etwa nicht mehr am Karfreitag für die „treulosen Juden“). Pabst Benedikt, der ja insgesamt eher als katholischer Traditionalist aufgefallen ist, blieb sich da soweit nur treu. So ist es auch nur folgerichtig, dass Benedikt in den Wochen nach seiner Entscheidung die exkommunizierten Piusbrüder zu rehabilitieren den Eindruck machte, er verstehe den ganzen Trubel um einen solchen innerkirchlichen Gnadenakt nicht – und erstmal lieber weiter etwas Paulusexegese in die Mikrophone säuselte.

Die Debatte um die Pabstentscheidung konzentrierte sich in Deutschland vor allem auf den Holocaustleugner und Piusbruder Bischof Williamson (der übrigens, nachdem er seine einschlägige Meinung auch in Deutschland kundtat, eigentlich ein Fall für die hiesigen Gerichte wäre). Um die Piusbruderschaft im Ganzen, jene erzkonservative Gruppe von innerkirchlichen Dissidenten, die alle vorsichtigen Schritte der katholischen Kirche hin zu etwas mehr gesellschaftspolitischer und religiöser Liberalität, die man seit den 60ern eingeleitet hatte, ablehnt, scherte man sich – mit wenigen Ausnahmen – schon deutlich weniger. Nur der Zentralrat der Juden in Deutschland wies immer wieder laut und deutlich darauf hin, dass das Problem tiefer geht, als die Entscheidung im Bezug auf eine Person. Es gehe um den Umgang mit der ganzen wieder in Gnaden aufgenommenen Bruderschaft. Zu Recht, denn die Piusbrüder, die auch in Deutschland mit etwa 30 000 Anhängern und vier eigenen Schulen aktiv sind, sind alles andere als ein lustiger Traditionsverein. Zwar fällt nicht jeder der Brüder gleich so mit der antisemitischen Tür ins Haus, wie Bischof Wiliamson, der das ganze Repertoire des rechten Holocaustleugners in alle verfügbaren Mikrophone bläst, dennoch gehört ein prinzipieller Antijudaismus zur Tradition der Piusbrüder, ebenso wie eine antimoderne und tendenziell bis explizit antidemokratische Haltung.

In ihren Publikationen ist die Bruderschaft immer wieder mit antijüdischen Tiraden an die Öffentlichkeit getreten, so ist etwa in einer Broschüre der Brüder zu lesen: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass jüdische Autoren an der Zersetzung der religiösen und sittlichen Werte in den zwei letzten Jahrhunderten einen beträchtlichen Anteil haben“ (1). Neben solchen Äußerungen ist die Piusbruderschaft aber auch auf anderen klassisch rechten Feldern stilsicher. Der Chef der Deutschen Piusbrüder plädierte etwa für die Todesstrafe, verurteilte Homosexualität und Emanzipation der Frauen und bezeichnete AIDS als Strafe Gottes (2). Dass die Bruderschaft die Ökumene ablehnt und Religionsfreiheit für Nichtkatholiken als unnötig betrachtet (3) versteht sich eigentlich von selbst. Auch in der ganz weltlichen Politik ist man als Piusbruder auf dem rechten Weg. So begrüßte der Gründer der Bruderschaft, Lefebvre, die rechtsradikalen Regimes Francos, Salazars, und Pinochets und lobte sogar die Regierung des Nazikollaborateurs Pétain in Frankreich.
Was die Piusbrüder also meinen, wenn sie auf ihrer Internetpräsenz formulieren: „Die Geistesschlacht hat also erst begonnen. Seien wir also mutig und mannhaft! Unterstützen wir den Papst mit unseren Gebeten! Gott hat in seiner weisen Vorsehung diesen Ausbruch der Verfolgung des Hasses und der Verleumdungen zugelassen. Selig sind wir, wenn wir uns mit dem verfolgten und verdemütigten Heiland vereinigen. Erkennen wir in den gegenwärtigen Ereignissen die „Strategie Gottes“: Pius X. nannte als moralische Ursachen des Modernismus den Stolz und die Neuerungssucht. Wollen wir mithelfen, den Modernismus zu überwinden, müssen wir dessen Ursachen bekämpfen. Den Stolz besiegt man aber durch die Demut.“ (5)

Man kann folglich dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Salomon Korn nur zustimmen, wenn er feststellt, „dass diese Piusbruderschaft antisemitisch eingestellt ist“ und dass Williamson nur die Spitze des Eisberges sei „und die Piusbruderschaft stellt sozusagen das Meer dar, in dem dieser Eisberg schwimmt“ (4). Dies musste jedem Interessierten und vor allem der katholischen Kirche bewusst sein, und so fällt es schwer zu glauben, dass dem Papst nicht klar gewesen sein soll, was sich da im rechtskatholischen Sumpf so alles tummelt, bevor er die Exkommunikation der vier Bischöfe der Bruderschaft aufhob. Immerhin war der Mann Chef der Glaubenskongregation, jener Einrichtung, die sich – als Nachfolgerin der Inquisition – mit innerkirchlichen „Häresien“ beschäftigt, bevor er Papst wurde.

Wie also ist dieser Vorgang einzuordnen? Sicher handelt es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher des ehemaligen Hitlerjungen Joseph auf dem Stuhl Petri, denn Ratzinger/Benedikt hat eine lange Liste zweifelhafter und rückwärtsgewandter Entscheidungen und Aktionen zu verantworten, die diesen letzten Eklat als Teil eines ausgesprochen unerfreulichen theologisch-politischen Programms erscheinen lassen. Er empfing etwa den antisemitischen Hetzprediger Tadeusz Rydzyk vom polnischen „Radio Maria“ zu einer Privataudienz, er veränderte die Karfreitagsfürbitte wieder dahingehend, dass für die Konversion der Juden (wenn auch nicht mehr für die „treulosen“) gebetet wird, er ließ 3000 Exorzisten ausbilden, er unterbrach die Seligsprechung eines linksgerichteten von Faschisten ermordeten salvadorianischen Erzbischofs während er im Gegenzug 498 Priester selig sprechen ließ, die auf Seite Francos im Spanischen Bürgerkrieg gestorben waren (6). Dieser Pabst, dem immerhin bei seinem Deutschlandbesuchen Massen an Menschen zujubelten, ist auf dem direkten Weg die katholische Kirche wieder in ihrer traditionellen Rolle als Stütze konservativen Denkens und rechter und ressentimentgeladener Politik zu festigen. Dass der äußerste rechte Flügel der Katholiken nun wieder eingebunden werden soll passt also ins Programm.

Nach einer kurzen, durch Euphorie verursachten, kollektiven Amnesie müssen sich viele Deutsche folglich damit auseinandersetzen, wer da „unser“ Pabst geworden ist. Man hätte es wissen können, doch das nationale Hochgefühl, einen Deutschen als Stellvertreter Gottes zu wissen, schwemmte alle Kritik an Ratzinger für einige Zeit aus der öffentlichen Debatte. Doch auch jetzt fällt es manchen hierzulande schwer die Tatsachen anzuerkennen. Vor allem einige Herren aus der CDU/CSU werfen sich schützend vor „ihren“ Pabst. In bester deutscher Manier wird von ihnen nicht der Schuldige, sondern seine Kritiker gescholten. Bundestagspräsident Lammert etwa äußerte auf –die nicht besonders harsche – „Kritik“ Merkels, die den Pabst eigentlich nur aufforderte mal klar zu sagen, dass Holocaustleugnung in seiner Kirche keinen Platz habe, „Vieles, was dem Papst jetzt unterstellt wird, ist beinahe bösartig, jedenfalls nicht redlich“ (7). Auch von anderen, wie Willy Wimmer war ähnliches zu hören. Die heftigste Reaktion zeigte Werner Münch, der ehemalige CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, der auf Merkels „Kritik“ die CDU verließ. Zur Begründung ließ er wissen: „Das Fass zum Überlaufen gebracht hat die Art und Weise, wie die Parteivorsitzende das Oberhaupt unserer katholischen Kirche, den deutschen Papst Benedikt XVI. öffentlich diskreditiert und gedemütigt hat, obwohl es dafür keine Veranlassung gab“ (8). Schöner kann man einen endgültigen Abschied von jedem kritischen Bewusstsein kaum formulieren.

Der „deutsche Papst Benedikt XVI.“ wird sich nicht mehr ändern. Ebenso wenig ist dies von weiten Teilen des Apparates der katholischen Kirche zu erwarten, die die Annäherung an die Piusbrüder mittragen, noch von jenen Politikern, die den Kurs des Papstes unterstützen und verteidigen. Es wird Gras über die Sache wachsen, Bischof Williamson wird aus der Kirche ausgeschlossen bleiben und die Piusbrüder wieder voll integriert werden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird sich weiterhin über diese Vorgänge beschweren, aber das sind eben nur „die Juden“ und die kommen ja, wie man spätestens seit Martin Walsers einschlägigen Einlassungen weiß, sowieso bei jeder unpassenden Gelegenheit mit der „Auschwitzkeule“ um die Ecke. Also kann man das getrost ignorieren. Deutschland wird also zu seiner vielgeliebten Normalität zurückfinden.

Lasset uns beten.

Ach ja: Zur Zeit läuft in Berlin ein Volksbegehren „Pro Reli“, dass erreichen will, dass christliche Kinder nicht mehr verpflichtend am Ethikunterricht teilnehmen müssen, sondern wie in anderen Bundesländern ersatzweise am Religionsunterricht teilnehmen können. Freuen wir uns also darauf, dass bald wieder Kinder im – durch die Kirchen und deren Spitzen vorgegebenen – christlichen Wertekanon erzogen werden können ohne durch andere Standpunkte belästigt zu werden. Dann werden sich Papst Benedikt, die Piusbrüder und auch der Herr Exministerpräsident Münch sicher mit uns freuen.

(1) Report Mainz, http://www.presseportal.de/pm/7169/1349859/swr_suedwestrundfunk, entnommen am 19.03.2009
(2) Report Mainz, http://www.swr.de/report/presse/-/id=1197424/nid=1197424/did=4488616/431ebz/index.html, entnommen am 19.03.2009
(3) http://www.sekten-sachsen.de/wanted-p.htm#lefebvre, entnommen am 19.03.2009
(4) http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,606518,00.html, entnommen am 19.03.2009
(5) http://www.fsspx.info/news/news.php?show=5351, entnommen am 19.03.2009
(6) Herman L. Gremliza, Wir sind Pabst, Konkret 3/2009
(7) http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/vatikan-veraergert-ueber-papst-kritik/, entnommen am 19.03.2009
(8) http://www.rp-online.de/public/article/politik/deutschland/677598/Ex-Ministerpraesident-Muench-verlaesst-CDU.html, entnommen am 19.03.2009