Archiv für März 2009

Die Nazis und der 1. Mai

Gerade angesichts der Vielzahl an Nazidemonstrationen – gerade am 1. Mai – ist es uns ein Anliegen darüber zu informieren, warum dieser Tag auch für die Nazis so wichtig ist. Dabei ist doch für Gewerkschafter_innen im Besonderen, aber auch für alle anderen Linken, der 1. Mai ein zentrales bzw. das zentrale Datum. Hier soll ein zugegebenermaßen stark verkürzter Einstieg in diese Thematik gegeben werden um zu verstehen, weshalb es – unserer Ansicht nach – nicht ausreicht am 1. Mai mit Bier und Bratwurst für „Arbeit“ zu „demonstrieren“, sondern gerade auch hier die Kritik an den falschen Zuständen zu äußern.

Historisches zum 1. Mai

Der Grund für dieses Datum liegt in Auseinandersetzungen in Chicago im Jahre 1886. Damals stritten die Arbeiter_innen für den 8-Stunden-Tag. In der Folge kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. In Gedenken an diese „Riots“ am Haymarket in Chicago entschloss sich die Zweite Internationale auf ihrem Gründungskongress in Paris im Jahr 1889 diesen Tag als „internationalen Kampftag der Arbeiter_innenklasse“ zu etablieren. Der 1. Mai steht somit erst einmal in der Tradition des Kampfes um menschenwürdige Lebensverhältnisse.

Der 1. Mai in Deutschland

Im Jahre 1919 wurde der 1. Mai erstmals – und zunächst nur für dieses Jahr – zum gesetzlichen „Feiertag“ erklärt. In den drei Jahrzehnten zuvor behinderten sowohl das Sozialistengesetz (bzw. die gesellschaftlichen Nachwirkungen), als auch bereits staatstragende Teile der SPD Aktionen des Proletariats, die letztlich in der Abspaltung des Spartakusbundes bzw. dann der KPD kulminierten. Selbstverständlich ist hierbei auch die nationalistische bzw. militaristische Position (Zustimmung zu den Kriegskrediten) der SPD vor dem 1. Weltkrieg berücksichtigen. Für den Großteil der SPD schien das geflügelte Wort der „vaterlandslosen Gesellen“ ein Schimpfwort zu sein. Ironie der Geschichte: Mittlerweile hat SPD-Politiker Wolfgang Thierse dieses „Schimpfwort“ gegen Unternehmer_innen gewendet, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.

In den Jahren der Weimarer Republik wurde der 1. Mai immer wieder zum Anlass von Auseinandersetzungen zwischen Nazis, Kommunist_innen und der Polizei. Traurige Berühmtheit erlangte dabei der „Blutmai“ von 1929 in Berlin. Alleine hier starben 33 Arbeiter_innen durch Polizeikugeln.

Für die Nationalsozialist_innen war der 1. Mai aus zweierlei Gründen wichtig: Erstens konnte man so den Arbeiter_innen das sozialistische Profil der Partei demonstrieren. Andererseits führten gerade auch an diesem Tag Provokationen der SA-Horden zu Auseinandersetzungen mit Antifaschist_innen (Altonaer Blutsonntag). Natürlich darf nicht verheimlicht werden, dass auch in der KPD autoritäre, nationalistische, teilweise antisemitische Einstellungen, sowie ein ausgeprägter Arbeitsfetischismus, vorhanden waren. Ähnlich wie in der Gegenwart (z. B. Jürgen Elsässer) gab es auch damals Anknüpfungspunkte zu Faschist_innen und sog. Querfront-Bestrebungen.

Die NSDAP und der 1. Mai

Die NSDAP etablierte den 1. Mai 1933 als zentralen „Feiertag der nationalen Arbeit“. Somit wurde der ursprüngliche Charakter als internationaler Kampftag konterkariert. Es stand kein Kampf um bessere Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen mehr auf dem Programm, sondern die öffentlich zelebrierte Zustimmung zum neuen Regime. Der Betrieb mutierte zur „Betriebsgemeinschaft“, mit „Betriebsführer“ (Unternehmer_in) und „Gefolgschaft“ (Arbeiter_innen und Angestellte). Der Historiker Ernst Piper stellt in einem Beitrag für die Internetseite NPD-Blog folgendes fest: „Die Usurpation des 1. Mai ist in diesem Kontext zu sehen. Bratwürste, Bier, Flugschau und Feuerwerk sollten den Arbeitern demonstrieren, dass der neue Regierungschef wirklich ein Herz für die kleinen Leute hatte. Nicht was einer tue, sei wichtig, sondern wie er es tue. Dieser Egalitarismus der Pflicht, dem autoritären Sozialismus des 18. Jahrhunderts entwachsen, war Ausdruck jener antiliberalen und antiwestlichen deutschen Tradition, die im Nationalsozialismus ihren radikalsten Ausdruck fand.“

Die Realität im NS-Staat war paradox. Am Tag nach dem „Feiertag der nationalen Arbeit“ wurden die Gewerkschaftshäuser gestürmt und die Organisationen verboten. Viele Gewerkschafter_innen landeten in den Folterkellern der Nazis. Einige Großindustrielle unterstützten tatkräftig die Machtübernahme der Nazis. Auch die konservativen Eliten wurden mit dem „Tag von Potsdam“ mit der neuen Regierung versöhnt.

Der Reichsautobahnbau – anders als es heute das kollektiven Gedächtnis vieler Deutscher wahrhaben will – war ein gewaltiger „Niedriglohnsektor“ und bedeutete häufig „Verelendung“ der dort Beschäftigten (E. Piper, http://npd-blog.info/2009/03/23/die-nazis-und-der-1-mai-von-niedriglohnen-und-dem-ende-der-gewerkschaften/, Zugriff, 23.03.09). Auch die Arbeitslosenzahlen gingen bereits vor der „Machtergreifung“ zurück.

Andererseits erhöhten die Nazis z. B. die Körperschaftssteuer für Reiche. Götz Aly verweist in seinem Buch „Hitlers Volksstaat“ auf die vielen sozialen Vergünstigungen für deutsche Volksgenoss_innen. Dennoch: Die völlig unseriöse Finanzpolitik des NS-Staates konnte sich nur durch die Arisierungen und den Raub, aus dem im Krieg besetzten Gebieten, halbwegs halten. „Enteignungen, Deportationen und Massenmorde wurden… zur wichtigen Quelle der deutschen Staatsfinanzen.“ (G. Aly, Hitlers Volksstaat, S. 53) Gerade auch angesichts der massenhaften Zwangsarbeit wäre es für die Linke in Deutschland am 1. Mai unabdingbar, die weitest mögliche und bedingungslose Entschädigung für alle Zwangsarbeiter_innen zu fordern!

Der 1. Mai in der Gegenwart

In den letzten Jahren ist es zur Normalität geworden, dass Nazis am 1. Mai in vielen Städten marschieren. Sie können sich dabei auf die historischen Vorläufer im „Dritten Reich“ berufen. Ihre propagierten Ziele, wie z. B. „Massenarbeitslosigkeit überwinden – Kapitalismus zerschlagen“ oder „Gegen Verarmung, Überfremdung und Meinungsdiktatur! Nationaler Sozialismus Jetzt!“ sind – neben dem pseudo-rebellischen Gestus (die Mobilisierungspage für Hannover heißt „Arbeiterkampftag“) – alt bekannt. Es geht um:
- Rassismus („Überfremdung“ als Ursache für Finanznot, ausschließlich „Deutsche“ sind von Kürzungen betroffen usw.),
- Antisemitismus („Internationale Finanzmächte“ die „uns“ bedrohen und ausbeuten),
- autoritären Gesellschaftsmodellen (die Rede ist nur von „uns Deutschen“, nie vom Individuum, die Feinde sind Liberalismus und Marxismus/Materialismus),
und um die völlig leere Formel des „Nationalen Sozialismus“.
Diese Worthülse wird lediglich mit den Forderungen nach einem starken Nationalstaat, einer „Volksgemeinschaft“ sowie mit einem affirmativen Bezug auf die Lohnarbeit gefüllt. Der Gestus im Aufruf ist eindeutig: Deutschland ist das Opfer der Globalisierung, alles wird für Deutsche immer schlimmer und Schuld sind immer irgendwie Andere. Die visuelle Gestaltung der Page für den Naziaufmarsch in Hannover erinnert dabei an die faschistische Figur des „männlichen“, starken Arbeiters.

Was tun?

Auch wenn wir es für gar nicht unvernünftig halten, am 1. Mai einfach nur auszuschlafen, statt sich sinnentleerten Ritualen anzuschließen, wollen wir trotzdem die Menschen dazu auffordern, sich den Nazis in den Weg zu stellen. Nicht im Sinne eines „besseren“ Deutschlands, sondern (eher) als Individuum, welches sein/ihr Tun kritisch reflektiert und am besten auch noch damit anfängt, die Lohnarbeit (die ja die Bedingung für das Kapital ist), die Nation, den Staat, die sog. „Volkszugehörigkeit“, die Religion sowieso und auch das Geschlecht gedanklich zu transzendieren. Konkret bedeutet dass u. a. Forderungen zu stellen, wie die völlige und bedingungslose Entschädigung für alle NS-Zwangsarbeiter_innen, die Abschaffung aller restriktiven Sondergesetze für Flüchtlinge, die Infragestellung der Lohnarbeit sowie die Einrichtung einer Welt, in der „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

Internetquellen:
http://npd-blog.info/2009/03/21/die-nazis-und-der-1-mai-gleichheit-als-homogenitat-nicht-egalitat/
http://npd-blog.info/2009/03/23/die-nazis-und-der-1-mai-von-niedriglohnen-und-dem-ende-der-gewerkschaften/
http://de.wikipedia.org/wiki/Altonaer_Blutsonntag
http://de.wikipedia.org/wiki/Blutmai
http://de.wikipedia.org/wiki/SPD
http://de.wikipedia.org/wiki/Kpd
http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_deutschen_Sozialdemokratie

Bücher:
Götz Aly, Hitlers Volksstaat, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2005 (Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn)

Kundgebung am 30. Jahrestag der Islamischen Republik Iran am 1. April

Freiheit statt Islamische Republik!
Für einen säkularen und demokratischen Iran –
Gegen jegliche Unterstützung für das iranische Regime
Berlin, Hackescher Markt

Ab 11 Uhr: Infostand mit Filmen zum Iran auf Großbildschirm

17 Uhr: Kundgebung mit Redebeiträgen

Rednerinnen und Redner u.a.:

Grußwort: Maya Zehden, Jüdische Gemeinde zu Berlin, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit

Fathiyeh Naghibzadeh, exil-iranische Autorin und Filmemacherin, STOP THE BOMB

Mohammed Schams, Vorstandsmitglied im Koordinierungsrat deutscher Nicht-Regierungsorganisationen gegen Antisemitismus, Senior Advisor IFI (Iranian Freedom Institute), Washington D.C.

Javad Asadian, Dichter und Schriftsteller, ehemaliger Präsident des iranischen PEN-Club im Exil, Club Iranischer und Europäischer Filmemacher (CIEF)

HIMMELHERRGOTTNOCHEINMAL

Die katholische Kirche vollführt eine Rolle rückwärts und rehabilitiert dabei mal schnell ultrakonservatives und antisemitisches Personal.

In Deutschland, das ja einerseits Pabst ist und andererseits endlich mal mit seiner – doch irgendwie peinlichen – Geschichte abschließen und zur „Normalität“ übergehen möchte, hat die Entscheidung eines deutschen Pabsts den einen oder anderen offenen Antisemiten wieder in den Schoß der Mutter Kirche aufzunehmen eine heftige Diskussion ausgelöst.

Nun ist es nichts Neues, sondern eine mehrtausendjährige ehrwürdige Tradition des Christentums ein zumindest angespanntes wenn nicht feindseliges Verhältnis zum Judentum zu pflegen – auch wenn man in den letzten Jahrzehnten da einige Schritte gegangen war (so betete man als Katholik etwa nicht mehr am Karfreitag für die „treulosen Juden“). Pabst Benedikt, der ja insgesamt eher als katholischer Traditionalist aufgefallen ist, blieb sich da soweit nur treu. So ist es auch nur folgerichtig, dass Benedikt in den Wochen nach seiner Entscheidung die exkommunizierten Piusbrüder zu rehabilitieren den Eindruck machte, er verstehe den ganzen Trubel um einen solchen innerkirchlichen Gnadenakt nicht – und erstmal lieber weiter etwas Paulusexegese in die Mikrophone säuselte.

Die Debatte um die Pabstentscheidung konzentrierte sich in Deutschland vor allem auf den Holocaustleugner und Piusbruder Bischof Williamson (der übrigens, nachdem er seine einschlägige Meinung auch in Deutschland kundtat, eigentlich ein Fall für die hiesigen Gerichte wäre). Um die Piusbruderschaft im Ganzen, jene erzkonservative Gruppe von innerkirchlichen Dissidenten, die alle vorsichtigen Schritte der katholischen Kirche hin zu etwas mehr gesellschaftspolitischer und religiöser Liberalität, die man seit den 60ern eingeleitet hatte, ablehnt, scherte man sich – mit wenigen Ausnahmen – schon deutlich weniger. Nur der Zentralrat der Juden in Deutschland wies immer wieder laut und deutlich darauf hin, dass das Problem tiefer geht, als die Entscheidung im Bezug auf eine Person. Es gehe um den Umgang mit der ganzen wieder in Gnaden aufgenommenen Bruderschaft. Zu Recht, denn die Piusbrüder, die auch in Deutschland mit etwa 30 000 Anhängern und vier eigenen Schulen aktiv sind, sind alles andere als ein lustiger Traditionsverein. Zwar fällt nicht jeder der Brüder gleich so mit der antisemitischen Tür ins Haus, wie Bischof Wiliamson, der das ganze Repertoire des rechten Holocaustleugners in alle verfügbaren Mikrophone bläst, dennoch gehört ein prinzipieller Antijudaismus zur Tradition der Piusbrüder, ebenso wie eine antimoderne und tendenziell bis explizit antidemokratische Haltung.

In ihren Publikationen ist die Bruderschaft immer wieder mit antijüdischen Tiraden an die Öffentlichkeit getreten, so ist etwa in einer Broschüre der Brüder zu lesen: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass jüdische Autoren an der Zersetzung der religiösen und sittlichen Werte in den zwei letzten Jahrhunderten einen beträchtlichen Anteil haben“ (1). Neben solchen Äußerungen ist die Piusbruderschaft aber auch auf anderen klassisch rechten Feldern stilsicher. Der Chef der Deutschen Piusbrüder plädierte etwa für die Todesstrafe, verurteilte Homosexualität und Emanzipation der Frauen und bezeichnete AIDS als Strafe Gottes (2). Dass die Bruderschaft die Ökumene ablehnt und Religionsfreiheit für Nichtkatholiken als unnötig betrachtet (3) versteht sich eigentlich von selbst. Auch in der ganz weltlichen Politik ist man als Piusbruder auf dem rechten Weg. So begrüßte der Gründer der Bruderschaft, Lefebvre, die rechtsradikalen Regimes Francos, Salazars, und Pinochets und lobte sogar die Regierung des Nazikollaborateurs Pétain in Frankreich.
Was die Piusbrüder also meinen, wenn sie auf ihrer Internetpräsenz formulieren: „Die Geistesschlacht hat also erst begonnen. Seien wir also mutig und mannhaft! Unterstützen wir den Papst mit unseren Gebeten! Gott hat in seiner weisen Vorsehung diesen Ausbruch der Verfolgung des Hasses und der Verleumdungen zugelassen. Selig sind wir, wenn wir uns mit dem verfolgten und verdemütigten Heiland vereinigen. Erkennen wir in den gegenwärtigen Ereignissen die „Strategie Gottes“: Pius X. nannte als moralische Ursachen des Modernismus den Stolz und die Neuerungssucht. Wollen wir mithelfen, den Modernismus zu überwinden, müssen wir dessen Ursachen bekämpfen. Den Stolz besiegt man aber durch die Demut.“ (5)

Man kann folglich dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Salomon Korn nur zustimmen, wenn er feststellt, „dass diese Piusbruderschaft antisemitisch eingestellt ist“ und dass Williamson nur die Spitze des Eisberges sei „und die Piusbruderschaft stellt sozusagen das Meer dar, in dem dieser Eisberg schwimmt“ (4). Dies musste jedem Interessierten und vor allem der katholischen Kirche bewusst sein, und so fällt es schwer zu glauben, dass dem Papst nicht klar gewesen sein soll, was sich da im rechtskatholischen Sumpf so alles tummelt, bevor er die Exkommunikation der vier Bischöfe der Bruderschaft aufhob. Immerhin war der Mann Chef der Glaubenskongregation, jener Einrichtung, die sich – als Nachfolgerin der Inquisition – mit innerkirchlichen „Häresien“ beschäftigt, bevor er Papst wurde.

Wie also ist dieser Vorgang einzuordnen? Sicher handelt es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher des ehemaligen Hitlerjungen Joseph auf dem Stuhl Petri, denn Ratzinger/Benedikt hat eine lange Liste zweifelhafter und rückwärtsgewandter Entscheidungen und Aktionen zu verantworten, die diesen letzten Eklat als Teil eines ausgesprochen unerfreulichen theologisch-politischen Programms erscheinen lassen. Er empfing etwa den antisemitischen Hetzprediger Tadeusz Rydzyk vom polnischen „Radio Maria“ zu einer Privataudienz, er veränderte die Karfreitagsfürbitte wieder dahingehend, dass für die Konversion der Juden (wenn auch nicht mehr für die „treulosen“) gebetet wird, er ließ 3000 Exorzisten ausbilden, er unterbrach die Seligsprechung eines linksgerichteten von Faschisten ermordeten salvadorianischen Erzbischofs während er im Gegenzug 498 Priester selig sprechen ließ, die auf Seite Francos im Spanischen Bürgerkrieg gestorben waren (6). Dieser Pabst, dem immerhin bei seinem Deutschlandbesuchen Massen an Menschen zujubelten, ist auf dem direkten Weg die katholische Kirche wieder in ihrer traditionellen Rolle als Stütze konservativen Denkens und rechter und ressentimentgeladener Politik zu festigen. Dass der äußerste rechte Flügel der Katholiken nun wieder eingebunden werden soll passt also ins Programm.

Nach einer kurzen, durch Euphorie verursachten, kollektiven Amnesie müssen sich viele Deutsche folglich damit auseinandersetzen, wer da „unser“ Pabst geworden ist. Man hätte es wissen können, doch das nationale Hochgefühl, einen Deutschen als Stellvertreter Gottes zu wissen, schwemmte alle Kritik an Ratzinger für einige Zeit aus der öffentlichen Debatte. Doch auch jetzt fällt es manchen hierzulande schwer die Tatsachen anzuerkennen. Vor allem einige Herren aus der CDU/CSU werfen sich schützend vor „ihren“ Pabst. In bester deutscher Manier wird von ihnen nicht der Schuldige, sondern seine Kritiker gescholten. Bundestagspräsident Lammert etwa äußerte auf –die nicht besonders harsche – „Kritik“ Merkels, die den Pabst eigentlich nur aufforderte mal klar zu sagen, dass Holocaustleugnung in seiner Kirche keinen Platz habe, „Vieles, was dem Papst jetzt unterstellt wird, ist beinahe bösartig, jedenfalls nicht redlich“ (7). Auch von anderen, wie Willy Wimmer war ähnliches zu hören. Die heftigste Reaktion zeigte Werner Münch, der ehemalige CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, der auf Merkels „Kritik“ die CDU verließ. Zur Begründung ließ er wissen: „Das Fass zum Überlaufen gebracht hat die Art und Weise, wie die Parteivorsitzende das Oberhaupt unserer katholischen Kirche, den deutschen Papst Benedikt XVI. öffentlich diskreditiert und gedemütigt hat, obwohl es dafür keine Veranlassung gab“ (8). Schöner kann man einen endgültigen Abschied von jedem kritischen Bewusstsein kaum formulieren.

Der „deutsche Papst Benedikt XVI.“ wird sich nicht mehr ändern. Ebenso wenig ist dies von weiten Teilen des Apparates der katholischen Kirche zu erwarten, die die Annäherung an die Piusbrüder mittragen, noch von jenen Politikern, die den Kurs des Papstes unterstützen und verteidigen. Es wird Gras über die Sache wachsen, Bischof Williamson wird aus der Kirche ausgeschlossen bleiben und die Piusbrüder wieder voll integriert werden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird sich weiterhin über diese Vorgänge beschweren, aber das sind eben nur „die Juden“ und die kommen ja, wie man spätestens seit Martin Walsers einschlägigen Einlassungen weiß, sowieso bei jeder unpassenden Gelegenheit mit der „Auschwitzkeule“ um die Ecke. Also kann man das getrost ignorieren. Deutschland wird also zu seiner vielgeliebten Normalität zurückfinden.

Lasset uns beten.

Ach ja: Zur Zeit läuft in Berlin ein Volksbegehren „Pro Reli“, dass erreichen will, dass christliche Kinder nicht mehr verpflichtend am Ethikunterricht teilnehmen müssen, sondern wie in anderen Bundesländern ersatzweise am Religionsunterricht teilnehmen können. Freuen wir uns also darauf, dass bald wieder Kinder im – durch die Kirchen und deren Spitzen vorgegebenen – christlichen Wertekanon erzogen werden können ohne durch andere Standpunkte belästigt zu werden. Dann werden sich Papst Benedikt, die Piusbrüder und auch der Herr Exministerpräsident Münch sicher mit uns freuen.

(1) Report Mainz, http://www.presseportal.de/pm/7169/1349859/swr_suedwestrundfunk, entnommen am 19.03.2009
(2) Report Mainz, http://www.swr.de/report/presse/-/id=1197424/nid=1197424/did=4488616/431ebz/index.html, entnommen am 19.03.2009
(3) http://www.sekten-sachsen.de/wanted-p.htm#lefebvre, entnommen am 19.03.2009
(4) http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,606518,00.html, entnommen am 19.03.2009
(5) http://www.fsspx.info/news/news.php?show=5351, entnommen am 19.03.2009
(6) Herman L. Gremliza, Wir sind Pabst, Konkret 3/2009
(7) http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/vatikan-veraergert-ueber-papst-kritik/, entnommen am 19.03.2009
(8) http://www.rp-online.de/public/article/politik/deutschland/677598/Ex-Ministerpraesident-Muench-verlaesst-CDU.html, entnommen am 19.03.2009

Naziaktivitäten in Berlin

Das Frühjahr scheint für Berliner Antifaschist_innen ziemlich arbeitsintensiv zu werden. Neben der Eröffnung bzw. den andauernden Protesten gegen den „Thor-Steinar“ Laden in Friedrichshainn(Petersburger Str. 94) findet am 14.03.2009 in einem Seniorenfreizeitheim in Lankwitz, Gallwitzallee 53 der NPD-Landesparteitag statt. Für die Berliner NPD wäre – nach den internen Querelen – ein weiteres Debakel verheerend. Deshalb: Sorgen wir für ein NPD-Debakel!

Kundgebung gegen den NPD-Landesparteitag am 14. März 2009
Gallwitzallee / Frobenstraße, nahe S-Lankwitz (S25)

Am 04. April plant die NPD dann ihren Bundesparteitag ebenfalls in Berlin. Laut „taz“ hat die NPD für den 04. und 11. April Räume im Rathaus Reinickendorf bzw. im Fontane-Haus im MärkischenViertel angemietet. Ob die Klagen des Bezirks gegen die NPD-Verantaltungen Erfolg haben, bleibt abzuwarten. Da
die NPD derzeit in personellen, strategischen und finanziellen Schwierigkeiten ist, wäre es auch hier wünschenswert den Bundesparteitag so desaströs wie möglich zu gestalten.

Und am 01. Mai finden wieder mehrere Naziaufmärsche statt. Neben Ulm und Hannover wurde auch in Berlin eine Nazidemo in Köpenick angemeldet. Also auch hier: Augen auf!

Gerade der Überfall auf Gewerkschafter_innen nach der Nazidemo in Dresden zeigt, dass Gewerkschaftsarbeit und antifaschistisches Engagement keineswegs getrennt gedacht werden sollte.

Allerdings dürfen diese Aktionen nicht dazu führen, die Auseinandersetzung mit Nazis darauf zu reduzieren. So wichtig es ist, Nazidemos bzw. Naziveranstaltungen zu stören oder zu behindern, so nötig bleibt es, sich mit den gesellschaftlichen Ursachen für nationalistisches, antisemitisches, rassistisches und sexistisches Denken auseinander zu setzen.

Fehlerhafte Aufarbeitung?

Immer wieder stößt man auf Sachen, die einen stutzen lassen. So z. B. die Diskrepanz zwischen offizieller Darstellung und seit längerer Zeit vorgebrachten kritischen Nachfragen bezüglich des Verhältnisses des Generalplanes Ost und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Der Generalplan Ost steht für die „Idee“ der Nationalsozialsten, Osteuropa zu „germanisieren“. Dieses monströse Vorhaben, wurde u. a. auch mit Hilfe deutscher Wissenschaftler, Studierender und Hochschulen geplant.

Gerade die Verstrickung einiger zentraler Stellen, so der Einwand, wird in der offiziellen Ausstellung der DFG kaum thematisiert. Für die betroffenen Menschen in den osteuropäischen Ländern, ist dieses Verhalten nicht nachvollziehbar.

Wir, als AG Bildung gegen Rechts, unterstützen das Vorhaben, die vollständige Involviertheit der betroffenen universitären und wissenschaftlichen Einrichtungen aufzuklären. Die Erinnerung an die unglaublich verbrecherischen Pläne der deutschen Nationalsozialisten muss wachgehalten werden.

Anbei der Link zu einem Artikel, der in der blz erschien:
http://www.gew-berlin.de/blz/494.htm

Dokumentation eines Briefes, der die wesentlichen Kritikpunkte an der offiziellen Darstellung zusammenfasst:
http://gplanost.x-berg.de/agantifa_dielinke_dfgpropagandagpo1.htm

Dubiose Namensgeber

In diesen Tagen erschien eine Studie des Chemnitzer Historikers Geralf Gemser, die sich mit der Namensgebung von Schulen in Sachsen beschäftigt hat. Er fand heraus, dass alleine in Sachsen von etwa 2000 Schulen noch mindestens „acht ehemalige NSDAP-Parteiangehörige, drei SA-Mitglieder und ein SS-Mann“
(SPIEGEL) als dubiose Namenspaten für Schulen dienen.

Der Forscher schätzt, dass bundesweit immerhin eine „dreistellige“ Zahl von Schulen nach ehemaligen Nazis benannt ist. Dabei handelt es sich meist nicht um Täter im streng juristischen Sinne, sondern eher um Befürworter bzw. Mitläufer des NS-Systems.

Gemser ist auch in Berlin kein Unbekannter. Durch seine Forschungen wurde bekannt, dass ein Gymnasium in Charlottenburg bis vor kurzem nach Erich Hoepner benannt war. Hoepner war als Generaloberst der Wehrmacht
für Zerstörung und Leid in der Sowjetunion, Polen und anderen Ländern verantwortlich. Die Schule heisst mittlerweile Heinz-Berggruen-Schule.

Wichtig ist es, gerade auch für Lehrer_innen und Schüler_innen, an ihren jeweiligen Schulen den eigenen kritischen Umgang mit der NS-Vergangenheit an der betroffenen Schule zu lernen und gemeinsam zu gestalten. Daraus erwächst sicherlich mehr demokratisches Potenzial, als eine Orientierung an solche
„Namenspatronen“.

Quellen:
SPIEGEL, Nr 6/2009, 02.02.09, S. 60 „Dubiose Paten“. Autor: Jan Friedmann

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,604966,00.html
http://www.fischer24.eu/index.php?site=artikel1&id1=2670
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/914010/
http://www.tagesspiegel.de/berlin/art270,2174248

Thor Steinar Laden in Berlin

Wir dokumentieren hier eine Erklärung der Antifa Friedrichshain zur Eröffnung eines neuen Thor Steinar Ladens in Berlin.

Erklärung der antifa friedrichshain:

Petersburgerstr. 94 (Nahe Bersarinplatz) ab 10 Uhr Kundgebung

Die bei Neonazis beliebte Modemarke „Thor Steinar“ eröffnet einen Outlet-Shop in der Petersburger Str. 94, unmittelbar neben dem Bezirksamtsgebäude und neben der Gedenktafel „Zu Ehren der Opfer des Mörderkellers-Keglerheim“, das sich während des Nationalsozialismus an der Stelle befand.
Die Jalousien verwehren noch den Einblick in das 200qm-Geschäft und die Ladenschilder sind noch verhangen. Allerdings wurden heute, Freitag den 27.02. von Männern, die TS anhatten, Kistenweise Klamotten hineingetragen. Die Transporter kamen aus dem Landkreis Dahme-Spree und München.
Dem Vernehmen nach ist für Samstag eine Kundgebung angemeldet, um auf die unangenehme Nachbarschaft hinzuweisen und die Bevölkerung aufzuklären.
Nachdem im November 2008 dem Thor-Steinar-Dealer „Doorbreaker“ im Ring-Center an der Frankfurter Allee nach sechs Jahren ungestörtem Dasein durch eine Räumungsklage erhelich zugesetzt wurde, eröffnet nun ein „echter“ TS-Laden in Friedrichshain. Wie der Doorbreaker wird auch der neue
Shop rechtsextreme Klientel nach Friedrichshain ziehen und es ist davon auszugehen, dass sich diese Klientel im Kiez „ausleben“ wird. Wie schon in anderen Regionen Berlins droht also der alternativen und migrantischen Bevölkerung Friedrichshain die permanente Konfrontation mit Neonazis im Einzugsbereich des Ladens (U-Bhf. Frankfurter Tor/ Landsberger Allee). Klar, dass hier der Antifa-Riegel vorgeschoben werden muss. Berlin-Mitte, Hamurg, Leipzig, Rostock haben es vorgemacht! Neonazis und ihr anti-humanistisches
Menschenbild haben weder in Friedrichshain noch woanders etwas verloren.

Thor-Steinar Shops schließen, rechte Symbole verdrängen!

http://stopthorsteinar.blogsport.de/