Stellungnahme der AG Bildung gegen Rechts der GEW Berlin zum Angriff auf die Ausstellung „Verraten und Verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945“ in der HU Berlin durch demonstrierende SchülerInnen

Am 12. November fand in Berlin im Rahmen bundesweiter Aktionen eine SchülerInnendemonstration unter dem Motto „Kostenlose Bildung für alle“ statt. Die im Aufruf zur Demonstration gestellten Forderungen waren weitgehend unterstützenswert und wendeten sich völlig zu Recht gegen die miserablen Zustände im deutschen Bildungssektor.
Erschreckenderweise kam es im Verlauf der Demonstration allerdings zu unakzeptablen Vorfällen, die nicht unkommentiert bleiben dürfen. Während ein Teil der etwa 8000 DemonstrantInnen das Hauptgebäude der HU stürmte wurde eine im Foyer der HU befindliche Ausstellung „Verraten und Verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945“zur Reichspogromnacht und den so genannten „Arisierungen“ jüdischer Unternehmen schwer beschädigt. Bilder der Verwüstungen deuten auf ein Maß an Zerstörung hin, das nicht als zufällige Beschädigung im Zuge der sicher recht turbulenten Vorgänge während des Eindringens in die HU, sondern nur als gezielter Angriff auf die Ausstellung interpretiert werden kann. Auch wurden nach Augenzeugenberichten Bilder von WissenschaftlerInnen, die in den Gängen der HU aushingen, angegriffen und beschädigt, darunter mindestens ein Bild einer im Nationalsozialismus ermordeten Mathematikerin. In der Nähe der Ausstellung wurde ein Feuer gelegt (allerdings von anderen DemonstrantInnen wieder gelöscht). Es gibt auch Berichte, dass Bücher aus den Fenstern der HU geworfen wurden, eine im Kontext der anderen Vorfälle ebenfalls ausgesprochen beunruhigende Tatsache. Hier sollen aber auch keineswegs, diejenigen SchülerInnen verschwiegen werden, die es nach mehrfachen Augenzeugenberichten auch gab, die weitere Zerstörungen an der Ausstellung zu verhindern versuchten.
Wir sind weit davon entfernt allen TeilnehmerInnen an der Demonstration eine antisemitische oder rechtsextreme Haltung zu unterstellen, die meisten werden von den Vorgängen in der HU wenig bis gar nichts mitbekommen haben. Jene aber, die die Zerstörung der Ausstellung zu verantworten haben, müssen es sich gefallen lassen als der antisemitische Mob wahrgenommen zu werden, als der sie agierten – da helfen auch keine Antifa-Fahnen und linke Sprüche als Bemäntelung. Was hier geschehen ist, ist das Gegenteil von emanzipatorischem politischem Handeln, ist eine Affirmation der Spaltungen und Ressentiments jener Gesellschaftsform, gegen die sich doch viele der DemonstrantInnen offensiv aussprachen. Und es ist ein Schlag ins Gesicht der Juden und Jüdinnen in Berlin und anderswo, wenn junge Deutsche es sich herausnehmen mal nebenbei eine Ausstellung, die an die antisemitischen Verbrechen im NS erinnert, zu zerstören, um auf die vergleichsweise große Größe ihrer Schulklassen, die schlechte Ausstattung der Schulen, den Mangel an Lehrpersonal u. ä. hinzuweisen. Respekt sieht anders aus, Geschichtsbewusstsein auch und Antifaschismus erst recht.
Auch die Reaktionen und die Berichterstattung über die Ereignisse sind unserer Meinung nach teilweise ausgesprochen bedenklich. In der TAZ etwa wurden am folgenden Tag die Proteste mit der Zeile: „Überschwang, die Pflicht der Jugend“ kommentiert. Nun soll gar nicht darüber gestritten werden, dass Jugendliche das Recht haben, Fehler zu machen oder ihren berechtigten Frust über die Verhältnisse irgendwie zu kompensieren. Es kommt darauf an, wie sie das tun. Wenn Frust in Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Homophobie umschlägt, ist es keineswegs tolerabel. Gerade der Nationalsozialismus trug einen Bewegungs- und Jugendwahn in sich, der eben genau auf diese Art von „Dinge zu tun, gleichgültig gegen den Inhalt solchen Tuns“ (Adorno, Erziehung nach Auschwitz) abzielte. Im Kommentar der TAZ wurde dieser Gedanke – gerade im Angesicht einer zerstörten jüdischen Ausstellung – überhaupt nicht berücksichtigt. In die gleiche falsche Kerbe wie die TAZ schlagen auch die VeranstalterInnen der Demonstration selbst, die Initiative „Bildungsblockaden einreißen!“, denen sich die Zerstörung der Ausstellung so darstellt: „Unseren Informationen zufolge handelte es sich bei den Beschädigungen auf die Ausstellung jedoch nicht um gezielte Taten, sondern um die Folge einer über lange Zeit aufgestaute Wut bei SchülerInnen, von denen einige – ohne über die Form oder das Ziel ihrer Aggression nachzudenken – ihre Wut an den Plakaten ausgelassen haben.“ Selbst wenn diese Darstellung zutrifft, so muss man das Nachdenken schon sehr weit zurückdrängt haben um bei mehreren Meter großen Ausstellungstafeln, deren Thema klar ersichtlich ist, nicht ins Stocken zu geraten, bevor man seinen Aggressionen freien Lauf lässt.

Die AG Bildung gegen Rechts der GEW Berlin distanziert sich von den Vorgängen im Zusammenhang mit der Stürmung der HU, die immerhin im Rahmen einer in anderen Städten auch von DGB-Gliederungen mitgetragenen bundesweiten Aktion stattfanden. Auch finden wir es unglaublich, dass die Veranstaltung nicht nach bekannt werden der Zerstörung der Ausstellung sofort abgebrochen wurde. Wir fordern von den Veranstaltern eine Erklärung für dieses Verhalten. Wir begrüßen ausdrücklich, dass sich „Bildungsblockaden einreißen!“ inzwischen bereiterklärt hat „einen Beitrag beim Wiederaufbau der Ausstellung zu leisten oder anderweitig den entstandenen Schaden wieder gutzumachen“ und sich, wenn auch in einer unserer Meinung nach zweischneidigen Form, für die Zerstörung entschuldigt hat.

AG Bildung gegen Rechts der GEW Berlin, 13.11.2008